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Bibliographische Angaben zur Publikation

Verhaltensstörungen


Sammelwerk / Reihe:

Teilhabe durch berufliche Rehabilitation


Autor/in:

Neukäter, Heinz; Wittrock, Manfred


Herausgeber/in:

Bundesagentur für Arbeit (BA)


Quelle:

Nürnberg: Eigenverlag, Online-Ressource, 2004, Stand: April 2004


Jahr:

2004



Abstract:


Kinder und Jugendliche werden als verhaltensgestört bezeichnet, wenn sie in ihren sozialen Beziehungen erhöht auffällig sind. Sie erscheinen entweder als stark gehemmte Personen, die schüchtern und unsicher wirken, oder als ausagierende Personen, deren aggressive Konfliktbewältigung als bedrohlich empfunden wird. Die gestörten Beziehungen dieser jungen Menschen führen sie zunehmend in eine Isolation, aus der sie sich nur durch ein sozial nicht statthaftes Verhalten glauben befreien zu können (zum Beispiel durch aggressive Reaktionsbereitschaft, delinquentes Verhalten, Vermeiden von Leistungsanforderungen).

Als Folge bilden sich relativ überdauernde Verhaltensmuster heraus. Diesen Kreislauf zu durchbrechen, ist Aufgabe sonderpädagogischer Bemühungen. Ob Verhaltensstörungen im beschriebenen Sinn als Behinderung anzusehen sind, ist in der wissenschaftlichen Diskussion strittig. Eher sollten Jugendliche und Heranwachsende mit Verhaltensstörungen als von Behinderung bedrohte Menschen (im Sinnes des SGB IX) verstanden werden. Von daher muss der Personenkreis bei der sozialen und beruflichen Eingliederung spezifisch gefördert werden. Diese Förderung ist - je nach individueller Ausgangssituation - im Rahmen der beruflichen Rehabilitation oder der Förderung für Benachteiligte möglich, vornehmlich aber nur für junge Menschen bis 21 Jahre.

BESCHREIBUNG

Probleme der Eingrenzung: Trotz vielfältiger Anstrengungen ist es bisher nicht gelungen, ein verbindliches Klassifikationsraster und valide Verfahren zu entwickeln, die verlässliche Auskunft geben, ob eine Person als verhaltensgestört zu kennzeichnen ist oder nicht. Empirische Klassifikationsbemühungen zum Beispiel haben vier Faktoren herausgestellt, die als ausagierendes Verhalten/Aggressivität, gehemmtes Verhalten, soziale Unreife und sozialisierte Delinquenz bezeichnet werden. Da Verhaltensstörungen jedoch nie rein deskriptiv zu erfassen sind, weil soziale Einstellungen und kulturelle Präferenzen eine bedeutende Rolle spielen, entscheiden letztlich subjektive Einstellungen der Interaktionspartner und der beurteilenden Instanzen (Diagnostiker, Lehrer, Heimerzieher, Fachkräfte der Agenturen für Arbeit, Arbeitgeber) darüber, ob das Verhalten eines jungen Menschen als gestört anzusehen ist.

Regelwidriges und normabweichendes Verhalten ist nicht an sich bereits als Verhaltensstörung zu werten, sondern gehört zum menschlichen Verhalten überhaupt. Gerade Jugendliche und junge Heranwachsende, die auf der Suche nach einer Lebensperspektive sind, geraten gelegentlich in Situationen, in denen sie überkommene Werte und Normen nicht fraglos akzeptieren, sondern dagegen aufbegehren, um sie zu verändern. Insofern sind Verhaltensauffälligkeiten im Jugendalter geradezu normal. Wenn man dies berücksichtigt, wird deutlich, dass eine trennscharfe Unterscheidung von Jugendlichen mit Verhaltensauffälligkeiten beziehungsweise mit Verhaltensstörungen nicht möglich ist. Erscheint das wahrgenommene regelwidrige Verhalten den Beurteilern als so schwerwiegend beziehungsweise als ein so verfestigtes Verhaltensmuster, dass es ohne eine besondere erzieherische beziehungsweise sonderpädagogische Hilfe zur sozialen Integration und Rehabilitation nicht zu beheben ist, spricht man im pädagogischen Sinn von einer Verhaltensstörung.

Bei der Frage der Eingrenzung ist zu beachten, dass im Gegensatz zu den meisten anderen Behinderungsarten (wie zum Beispiel bei geistiger Behinderung) die gesetzlichen Grundlagen (SGB VIII & IX) eine Förderung von Menschen mit Verhaltensstörungen nur im Kindes- und Jugendalter (und im eingeschränkten Maße auch für junge Erwachsende, vergleiche KJHG, §§ 7, 13, 41) ermöglicht. Für Erwachsene liegen die Möglichkeiten der Betreuung meist entweder in den Händen psychiatrischer Einrichtungen (für psychisch/seelisch behinderte Menschen) beziehungsweise in den Händen der Justiz (für delinquente Menschen).

Verbreitung: Kinder, Jugendliche und Heranwachsende mit Verhaltensstörungen sind in allen Schulstufen und Schulformen (einschließlich der beruflichen Bildung) vertreten. Sie befinden sich in allgemeinen Schulen, Sonderschulen, Heimschulen, Berufsschulen, psychiatrischen Einrichtungen oder auch im Jugend(straf)vollzug. Grundsätzlich werden Verhaltensstörungen von Lehrerinnen und Lehrern als besonders belastend erlebt, weil sich die Jugendlichen der Fremdsteuerung verstärkt widersetzen. Infolgedessen wird die Verbreitung von Verhaltensstörungen im Schulalter generell überschätzt.

Die Zahl von Schülern und Schülerinnen mit Verhaltensstörungen wird gemeinhin mit einem Prozent eines Altersjahrgangs angegeben. Infolge der genannten Abgrenzungsschwierigkeiten finden sich jedoch auch erheblich höhere Prozentangaben. Hinsichtlich der Geschlechtsverteilung herrscht weit gehende Übereinstimmung. Jungen werden fünf- bis zehnmal häufiger mit dem Etikett verhaltensgestört bedacht als Mädchen. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass überwiegend die hyperaktiven, aggressiven und delinquenten Verhaltensweisen auffallen. Diese Reaktionsmuster haben einen größeren Bedrohungsgehalt und werden deshalb eher wahrgenommen als gegen das eigene Selbst gerichtete Verhaltensmuster in Form von ängstlichen, depressiven oder gar selbstverletzenden Reaktionsformen.

Mehrfachbehinderung: Verhaltensstörungen treten nicht selten in Kombination mit anderen Behinderungen wie Lernbehinderungen, Körperbehinderungen und Sprachbehinderungen auf (Mehrfachbehinderung). Spezifisch psychogene Störungen findet man auch bei Personen mit Seh- und Hörschäden. Bei geistiger Behinderung lassen sich ebenfalls spezifische Verhaltensauffälligkeiten nachweisen, die jedoch in der Regel in dieser Behinderung begründet liegen beziehungsweise als sekundäre Verhaltensstörungen auf Grund von inadäquaten Umweltreaktionen einzuordnen sind.

Komplexe Ursachen: Verhaltensstörungen können auf verschiedene, komplexe Ursachen zurückgehen.

Organischer Bereich: Im organischen Bereich werden anlagebedingte Risikofaktoren angenommen. Sie zeigen sich zum Beispiel in einer zu niedrigen oder einer zu hohen Reizbarkeit des autonomen Nervensystems, in motorischer Hyperaktivität und Impulsivität. Darüber hinaus spielen insbesondere erworbene Risikofaktoren eine Rolle. So können lang andauernde Erkrankungen, Allergien, Stoffwechsel- und Ernährungsstörungen sowie hormonale Störungen aber eben auch Sozialisationsfaktoren (siehe unten) Verhaltensauffälligkeiten zur Folge haben. Häufig wird in diesem Zusammenhang auch die frühkindliche minimale cerebrale Dysfunktion (MCD) erwähnt, die sich aufgrund von Schädigungen oder Störungen vor, während oder nach der Geburt entwickeln kann. Diese Beeinträchtigungen können ihren Niederschlag zum Beispiel in Koordinationsproblemen, sensorischer oder motorischer Hyperaktivität, Gestaltgliederungsschwäche, Aufmerksamkeitsdefiziten sowie in Distanz- und Kommunikationsmängeln finden. Auch Anfallsleiden (Epilepsie) sowie psychotische Erkrankungen (Depressionen, Hebephrenie) können Störungen im Verhalten nach sich ziehen beziehungsweise drücken sich durch Verhaltensstörungen aus.

Kognitive Merkmale: Verhaltensstörungen sind im engeren Sinne so definiert, dass sie hinsichtlich der intellektuellen Potenz - gemessen mit einem Intelligenztest - keine bedeutsamen kognitiven Ausfälle aufweisen. Dennoch kommt es - gemessen an den Schulleistungen - oftmals zu partiellen oder gar generalisierten Ausfällen, die sich bis zu Beeinträchtigungen im Lernen beziehungsweise Lernbehinderungen auswachsen können. Neuere Forschungen zur Metakognition legen nahe, dass Schüler mit Verhaltensstörungen vornehmlich Schwierigkeiten in den exekutiven Komponenten ihres Verhaltens zeigen: Defizite im Planen, Regulieren und Kontrollieren der eigenen kognitiven Vorgänge führen vielfach zu Aufmerksamkeitsstörungen oder impulsivem Verhalten.

Familiale Sozialisation: Ungünstige Entwicklungsbedingungen und Beziehungskonstellationen in der frühen Kindheit werden als Faktoren für sozio-emotionale Entwicklungsstörungen benannt. Der Aufbau tragfähiger personaler Beziehungen wird durch eine misslungene frühkindliche Sozialisation erheblich beeinträchtigt. Das kann bis in das Jugend- und Erwachsenenalter hineinwirken, zumal konfliktreiche Familienkonstellationen oft über die frühe Kindheit hinaus fortdauern. Ökonomisch, sozial oder emotional zerrüttete Familienverhältnisse lassen sich häufig bei Jugendlichen mit ausgeprägten Verhaltensstörungen finden. In diesem Milieu haben Jugendliche selten Vertrauen aufbauen, befriedigende Beziehungen entwickeln und zielorientiertes Arbeiten lernen können. Die mangelnde Unterstützung in belasteten Familien lässt die Jugendlichen unsicher, orientierungslos, beziehungsgestört und misstrauisch werden.

Ein weiterer Faktor ist in erzieherischem Fehlverhalten zu suchen: Verwöhnung oder Überbehütung, lieblose, vernachlässigende oder inkonsequente Erziehung können die altersgemäße kognitive, emotionale oder soziale Entwicklung von Menschen so ungünstig beeinflussen, dass sie sozial auffällig werden. Empirische Untersuchungen zum elterlichen Erziehungsstil haben immer wieder belegt, dass eine übermäßig behütende, eine vernachlässigende, eine indifferente sowie eine autoritäre Erziehung sich ungünstig auf das Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen auswirkt.

Oft stammen Jugendliche mit Verhaltensstörungen aus benachteiligten sozialen Schichten. Geringes Einkommen, repressive Arbeitsbedingungen, Arbeitslosigkeit und die damit verbundenen psychosozialen Probleme, schlechte Wohnverhältnisse, Rigidität in den Sozialbeziehungen charakterisieren das soziale Milieu, mit dem Jugendliche mit Verhaltensstörungen nicht selten konfrontiert sind. Diese Lebensbedingungen wirken sich generell belastend auf die Sozialisation aus. Hinzu kommt, dass die Jugendlichen von ihren Eltern vergleichsweise nicht so intensiv gefördert werden wie Jugendliche aus bildungsbewussten Sozialschichten. Infolgedessen besteht oft ein Defizit bei Verhaltensmerkmalen wie Leistungsorientierung, Zielstrebigkeit, angemessener Denk- und Arbeitsstil, Rationalität oder Beziehungsfähigkeit - alles Haltungen, die für Ausbildung und Beruf von großer Bedeutung sind.

Schulische Belastungsfaktoren: Extrem autokratisches Lehrerverhalten, stark ausgeprägte Lenkung sowie gering schätzende, emotional kalte Behandlung können Verhaltensstörungen in der Schule verstärken oder auch auslösen. Weiter sind Misserfolgserlebnisse in der Auseinandersetzung mit schulischen Lerninhalten zu nennen, die oft nicht den Bedürfnissen des einzelnen Schülers angepasst sind (Über- oder Unterforderung). Da Verhaltensstörungen und Leistungsversagen sich oft wechselseitig bedingen, lässt sich nicht immer deutlich ausmachen, was als primäre und was als konsekutive Beeinträchtigung anzusehen ist. Als weitere auslösende oder verstärkende Merkmale gelten häufiger Wechsel und ungünstige Zusammensetzung von Lerngruppen, öffentliche Etikettierung abweichenden Schülerverhaltens, der häufig beklagte Konkurrenz- und Leistungsdruck, die strukturellen Anpassungsmechanismen der Institution Schule, mangelnde Berücksichtigung der individuellen Lernvoraussetzungen sowie der individuellen Lebenslage.

Vorurteile im sozialen Umfeld: Jugendliche mit Verhaltensstörungen sind vielfältigen Vorurteilen ausgesetzt. Dies gilt besonders für Jugendliche, die in Heimen aufgewachsen sind oder eine Sonderschule besucht haben. Das negative Etikett gerät im Extremfall zum Stigma. Die seelische Notlage dieser Jugendlichen wird selten erkannt. Man hält sie für renitent, faul und dumm und versteht nicht, dass die Jugendlichen paradoxerweise durch abweichendes Verhalten einen Weg aus ihrer seelischen Notlage suchen. Die negative Reaktionsweise ist gleichsam ein unbewusstes positives Signal, das den Mitmenschen die eigenen Schwierigkeiten verrät. Dieses Signal wird indes nicht in seinem symbolischen Kern, sondern in seiner aggressiven Form aufgefasst und als Bedrohung erlebt. Nur wenn es gelingt, das sozial unangepasste Verhalten als Notsignal zu entschlüsseln, besteht die Chance, den Kreislauf der Verhaltensstörung zu durchbrechen.

Mangelnde Lebensorientierung im Hinblick auf Normen und Werte und unsichere Perspektiven machen junge Menschen anfällig für Manipulationen durch Jugendsekten und radikale Gruppierungen. Drogengefährdung, Alkoholismus, Selbstmordgedanken sowie kriminelle Gefährdung sind mögliche Folgen einer verstädterten Umwelt, in der kurzfristige Bedürfnisbefriedigung und Konsum von erhöhter Bedeutung sind. Jugendliche mit Verhaltensstörungen erliegen diesen Verführungen besonders leicht, weil sie vertrauensvolle und persönliche Bindungen, die Rückhalt und Stabilität bieten würden, meist nicht aufbauen konnten. Deshalb brauchen diese Jugendlichen besondere Hilfe und Zuwendung von Seiten der Gesellschaft, der Lehrkräfte, der Fachkräfte der Agenturen für Arbeit und der Arbeitswelt, damit sie die Chance erhalten, sich eine zufrieden stellende persönliche Zukunft aufzubauen. Dies kann nur gelingen, wenn durch gemeinsame Anstrengungen eine Erziehung zur Autonomie verwirklicht wird.

BERUFSWAHL

Kooperation: Die Phase der Berufswahl beginnt in der Regel bereits in der siebten Klasse und erfordert bei verhaltensgestörten Jugendlichen besondere Hilfen. Hierzu gehören die enge Zusammenarbeit von Schule, Agentur für Arbeit, Jugendhilfe, Berufsschule, von Trägern berufsvorbereitender Bildungsmaßnahmen, den Kammern, den Ausbildungsbetrieben sowie anderen Ausbildungseinrichtungen.

Arbeitslehre: In der Schule werden Fragen der Berufswahl besonders im Fach Arbeitslehre (beziehungsweise im Unterrichtsbereich Arbeit - Wirtschaft - Technik) behandelt. Hier können die Schülerinnen und Schüler Erfahrungen im Umgang mit Werkstoffen, Werkzeugen und Maschinen sammeln und einen Einblick in die Anforderungen verschiedener Berufsfelder gewinnen. Dabei sind funktionale Aspekte (zum Beispiel Arbeitstechniken, Fertigungsverfahren und Funktionsweisen von Maschinen) von sozialen Aspekten (vorwiegend die sozialen Beziehungen, Strukturen und Abhängigkeiten im Betrieb) zu unterscheiden. Schüler mit Verhaltensstörungen entwickeln im Fach Arbeitslehre oft erstaunliche Fähigkeiten und Fertigkeiten, zumal sich ihnen hier Wege auftun, soziale und leistungsgerechte Anerkennung zu finden, die ihnen in den traditionellen Lernfächern aufgrund vorhandener Defizite selten zuteil wird. Als Lernwege werden in den Lehrplänen unter anderem Projektmethoden, Projektwochen, Fallstudien, Rollenspiele, Betriebs- und Arbeitsplatzerkundungen und Betriebspraktika unter Anleitung und persönlicher Betreuung einer Lehrkraft empfohlen.

Verzahnung von Schule und Werkstatt: Das negative Selbstkonzept der Schüler und Schülerinnen ist vor allem über erfolgreiches Lernen und Arbeiten günstig zu beeinflussen. Schulversuche an Heimschulen zeigen hier neue Wege auf. An der Jugendhilfe-Einrichtung Johannesburg in Surwold zum Beispiel erhalten alle Schüler ab Klasse sieben unter Anleitung eines Meisters oder einer Meisterin und unter Beteiligung des Klassenlehrers täglich zwei Stunden Berufsorientierung in einem Werkstattbereich (Metall, Elektro, Tischlerei, Gärtnerei, Gas- und Wasserinstallation). In Nordrhein-Westfalen und einigen anderen Bundesländern existieren seit einigen Jahren so genannte Jugendwerkstätten (beziehungsweise Schulstationen), in denen schulmüde und problembeladene Jugendliche ihr zehntes Pflichtschuljahr ersatzweise ableisten können. Die praktische Bewährung in verschiedenen Werkstattbereichen unter realitätsgerechten Bedingungen stärkt das Selbstvertrauen der Jugendlichen und kann auch das schulische Lernen beflügeln.

Sollten sich die Ergebnisse in den Schulversuchen langfristig sichern lassen, ist es geboten, den Hauptschulzweig der Schule für Jugendliche mit Verhaltensstörungen so zu verändern, dass ausgedehnte Werkstatterfahrungen mit Lehrer und Meister institutionalisiert werden. In einigen Projekten geht man im Rahmen von Lernkooperationen mit Modellcharakter (Zusammenarbeit von Schule, Kammern, Betrieben, Agentur für Arbeit) bereits entsprechende Wege, indem zum Beispiel bereits ab der siebten Klasse ein wöchentlicher Praktikumstag eingerichtet wird.

Berufliche Beratung: Die für besondere Belange behinderter Menschen geschulten Mitarbeiter in den Agenturen für Arbeit werden versuchen, nach einer ersten Orientierungsveranstaltung in der Schule persönliche Kontakte zu den Jugendlichen herzustellen. Für weitere Informationen kommen Eltern, Heimerzieher und Lehrer besonders in Frage. Differenzierte Hinweise über das Verhalten und die Leistungskapazität des Jugendlichen erhalten die Fachkräfte der Agenturen für Arbeit über ein Informationsgespräch mit dem Klassenlehrer. Wichtig sind Angaben über die gesamte schulische Entwicklung, die Leistungsmotivation, Durchhaltefähigkeit, Arbeitsweise und Anpassungsfähigkeit des Jugendlichen. Jugendliche mit Verhaltensstörungen beurteilen gewöhnlich die Schritte der Berufswahl weniger nach rationalen als nach emotionalen Kriterien. Nur selten kommt es nach ein oder zwei Gesprächen zu einer Berufsentscheidung und zur Vermittlung eines Ausbildungsplatzes, häufig dauert es Jahre. Die Mitarbeiter des Reha-Teams können dabei zu Bezugspersonen des Jugendlichen/Heranwachsenden werden, die bei allen Rückschlägen und Misserfolgen neue Wege und Perspektiven zu eröffnen vermögen.

Beratungsgespräche: Der äußere Rahmen des Beratungsgesprächs kann eine gute Atmosphäre fördern oder behindern. So muss es im Einzelfall nicht immer günstig sein, die Gespräche in der Schule durchzuführen, weil die Jugendlichen sie dann als eine schulische Veranstaltung wahrnehmen und sich eine evtl. vorhandene ablehnende Haltung gegenüber der Schule auf die Beratungsfachkraft übertragen könnte. In den Gesprächen kommt es darauf an, dass der Berater oder die Beraterin Zugang zu dem Jugendlichen findet, um eine Vertrauensbasis herzustellen. Die Beratungsfachkraft muss die zum Teil negativen Erwartungen ihres Gesprächspartners abbauen. Ein Jugendlicher reagiert auf die für ihn schwierige neue Situation oft misstrauisch, ängstlich oder trotzig.
Die Fachkräfte der Agenturen für Arbeit sollten im Gespräch mehr mitgehen als führen, weil der Jugendliche das Gespräch ansonsten wie ein Verhör empfinden könnte, zumal er das meist in früheren Unterredungen mit Erwachsenen schon so erlebt hat. Der Jugendliche sollte vorbehaltlos akzeptiert werden, zuerst von positiven Dingen - Erfolgserlebnissen oder Interessengebieten - berichten können und erst danach auf seine Schwierigkeiten angesprochen werden.

Die Anwesenheit einer Vertrauensperson des Jugendlichen, etwa eines geschätzten Lehrers oder Schulsozialarbeiters/Sozialpädagogen, ist oft hilfreich. Andererseits kann der Zugang zu dem Jugendlichen auch erschwert werden, wenn zum Beispiel Erziehungsberechtigte oder Sozialarbeiter am Gespräch teilnehmen, deren Anwesenheit vom Betroffenen nicht gewünscht wird. In solchen Fällen muss der Berater den Jugendlichen spüren lassen, dass er selbst sein Hauptgesprächspartner ist. Gegebenenfalls sollte ein weiterer Termin für ein Einzelgespräch vereinbart werden. Entsprechendes gilt für Beratungstermine in sozialpädagogischen Einrichtungen. Hier ist allerdings zu beachten, dass Jugendliche bisweilen hoffen, mit Hilfe der Agenturen für Arbeit aus der sie häufig beengenden Heimsituation herauszukommen.

Beteiligung der Eltern: Das Interesse der Erziehungsberechtigten an der Berufswahl ist unterschiedlich. Eltern sind wertvolle Gesprächspartner, wenn es um Informationen über die Jugendlichen geht, beispielsweise über den Gesundheitszustand, die körperliche und seelische Entwicklung und die Schullaufbahn. Außerdem müssen die Eltern als Partner die Schritte zur beruflichen Eingliederung mittragen. Allerdings ist das Verhältnis zwischen Eltern und Jugendlichen oft gespannt, was auch in Beratungssituationen stark zum Ausdruck kommen kann. Die Fachkräfte der Agenturen für Arbeit sollten sich bemühen, solche Spannungen zu neutralisieren und das Gespräch freundlich und sachlich zu halten. Besondere Sensibilität ist angebracht, wenn Fehlverhalten der Jugendlichen oder Erziehungsfehler der Eltern zur Sprache kommen. Vor allem sollte sich der Berater in solchen Situationen hüten, den Eindruck zu erwecken, er ergreife einseitig Partei für die Eltern. Dadurch könnte er das Vertrauen des Jugendlichen verlieren und der weiteren Beratung die Basis entziehen.

Ärztliche und psychologische Gutachten: Wenn durch Beratungsgespräche allein die berufliche Eignung eines Jugendlichen für die in Aussicht genommene Ausbildung nicht abgeschätzt werden kann, ziehen die Mitarbeiter des Reha-Teams den Ärztlichen und Psychologischen Dienst der Agentur für Arbeit hinzu. Bei Jugendlichen mit Verhaltensstörungen geht es meist um Fragen der körperlichen und nervlichen Belastbarkeit, der Berufsreife, der geistigen Leistungsfähigkeit, der dauerhaften Motivation und Durchhaltefähigkeit. Dabei kann auch geklärt werden, ob therapeutische Maßnahmen vor oder während der beruflichen Eingliederung notwendig sind. Ist bei Jugendlichen auch nach Vorliegen der Gutachten keine Aussage zur beruflichen Eingliederung möglich, dann kann eine Maßnahme zur Abklärung der beruflichen Eignung oder eine Arbeitserprobung vorgeschlagen werden.
Berufe-Spektrum: Jugendliche/Heranwachsende mit Verhaltensstörungen können grundsätzlich jeden beruflichen Werdegang einschlagen, wenn die schulischen und persönlichen Eignungsvoraussetzungen dem nicht entgegenstehen. Es gibt also keine Berufsfelder, die bei Verhaltensstörungen besonders zu empfehlen wären oder von denen man besonders abraten müsste. Dennoch sind bei der Berufswahl mögliche Einschränkungen zu beachten:

- Bei einer erhöhten sozialen Sensibilität und Reizbarkeit ergeben sich Einschränkungen bei Berufen mit Anforderungen hinsichtlich der Kommunikation und sozialer Belastbarkeit (zum Beispiel Kontaktberufe, Berufe mit Schalterdienst und Publikumsverkehr).
- Bei Verhaltensauffälligkeiten, die auf eine frühkindliche minimale Hirnleistungsstörung (minimale cerebrale Dysfunktion/MCD) zurückzuführen sind, können Jugendliche infolge ihrer Anfälligkeit gegen Störreize aller Art keinen Stress oder keine hohe psychische Belastung ertragen (zum Beispiel Fließbandarbeit, Lärm). Im Einzelfall kann die Feinmotorik beeinträchtigt sein.
- Wird an Arbeitsstellen strenge Unterordnung erwartet, ergibt sich für Jugendliche mit abweichendem Lern- und Sozialverhalten eine ständige Konfliktsituation und ein hohes Risiko des (Ausbildungs-)Abbruchs.
- Jugendliche, die als beziehungsgestört und orientierungslos auffallen, brauchen in Ausbildung und Beruf Bezugspersonen, die bereit sind, sich in den jungen Menschen hineinzudenken, ihn voll zu akzeptieren, ihm Orientierung zu geben, ohne ihn zu bevormunden. Dies ist in der Regel in großen, eher anonymen Ausbildungsbetrieben oder -einrichtungen nur schwer zu gewährleisten.

Auseinandersetzung mit Berufswünschen: Die Fachkräfte der Agenturen für Arbeit werden nicht selten mit Berufswünschen konfrontiert, die für die Jugendlichen eine symbolische Bedeutung haben. Oft entsprechen sie nicht den Eignungsvoraussetzungen. Berufswünsche wie Pilot oder Kapitän bestimmen häufig die Träume dieser jungen Menschen. Andererseits verzichten gerade Jugendliche mit Verhaltensstörungen oft auf jegliche berufliche Qualifizierung, vor allem dann, wenn sich Traumberufe nicht realisieren lassen (Arbeiten ohne Berufsausbildung). Hierdurch erhöht sich jedoch das Risiko der Arbeitslosigkeit erheblich. Die Mitarbeiter der Agentur für Arbeit sind gehalten, auf die Wünsche der Jugendlichen einzugehen, sie ernst zu nehmen und zu ihnen Stellung zu beziehen. Falls die Realisierung nicht möglich ist, sollten Alternativen herausgearbeitet werden. Kompromiss- oder Übergangsmöglichkeiten können vorgeschlagen werden, um das angestrebte Berufsziel oder doch ein ähnliches später möglich erscheinen zu lassen und zumindest den Weg dazu nicht zu verbauen. Wenn sich der Jugendliche bereits für einen Beruf entschieden hat, auf seinem Wunsch beharrt und für diesen Beruf auch die Eignung mitbringt, steht der Vermittlung in eine entsprechende Ausbildung nichts im Wege, soweit die Motivation tragfähig erscheint und Ausbildungsmöglichkeiten tatsächlich vorhanden sind.

BERUFLICHE EINGLIEDERUNG

Risiken: Individuelle, soziale und ökonomische Faktoren machen es gleichermaßen schwer, Jugendliche/ Heranwachsende mit Verhaltensstörungen in das Beschäftigungssystem einzugliedern. Individuelle Belastungen ergeben sich - mitbedingt durch eine unregelmäßige Schullaufbahn - wegen mangelnder Kompetenzen im Leistungs- und Sozialverhalten (zum Beispiel Defizite in der mündlichen und schriftlichen Kommunikation, in grundlegenden Rechenfertigkeiten, im Konzentrationsvermögen). Misserfolgserlebnisse in der Schule wirken demotivierend und prägen ein negatives Selbstkonzept. Defizite im Sozialverhalten führen zu einem Kreislauf von Aggression, sanktionierender Gegenreaktion und aggressiver Verhärtung. Hinzu kommen wesentliche ökonomische Faktoren durch die Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt und dem Arbeitsmarkt. Heute werden an alle Auszubildenden hohe Anforderungen hinsichtlich individueller und sozialer Leistungsbereitschaft gestellt, die Jugendliche mit Verhaltensstörungen nur teilweise einbringen können (Schlüssel- und Basisqualifikationen wie selbstständiges Planen und Organisieren, Teamfähigkeit, Motivation). Der Erfolg der beruflichen Eingliederung hängt wesentlich mit davon ab, inwieweit es gelingt, bereits im Vorfeld die Kompetenzdefizite im Leistungs- und Sozialbereich aufzuarbeiten und auszugleichen.

Die Verbesserung der Grundposition im Wettbewerb um Ausbildungsplätze ist eine zentrale Aufgabe. Dazu gehören die Förderung des Sozialverhaltens, der gezielte Abbau von Lerndefiziten und Verhaltensstörungen, die Anbahnung der Berufsreife und die Verbesserung der Rahmenbedingungen durch spezielle Programme für sozial Benachteiligte. Das negative Selbstkonzept der Jugendlichen ist in erster Linie durch erfolgreiches Lernen und Arbeiten zu korrigieren, durch realitätsbezogene Aufgaben, die ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechen, durch handlungs- und projektorientierten Unterricht. Dabei sind die (Berufs-)Schüler im Sinne der Metakognitionsforschung zum Planen, Regulieren und Kontrollieren der eigenen kognitiven und sozialen Handlungen anzuhalten, damit entsprechende Basisqualifikationen ausgebildet werden. Die (Berufs-)Schule sollte sich bemühen, dass möglichst viele Schüler mit Verhaltensstörungen die Chance erhalten, einen Schulabschluss zu erreichen und eventuell auf eine Verlängerung der Schulbesuchszeit hinwirken.
Besonders wichtig ist die Förderung des Sozialverhaltens. Vor allem müssen Lehrer und Erzieher beziehungsweise Ausbilder sofort eingreifen, wenn Jugendliche Gefahr laufen, an den Rand der Gruppe zu geraten.

Schule und Heim haben die Aufgabe, dem Schüler zu helfen, seine besondere soziale Situation zu verarbeiten. Der Jugendliche selbst sollte über bestehende Vorurteile und die sich daraus ergebenden Reaktionen informiert werden und erfahren, dass diese Reaktionen im Kern nicht seiner Person gelten, sondern der Angst vor bedrohlichen Situationen entstammen. Auf diesem Weg kann eine Art Immunisierung stattfinden. Durch einzel- und gruppentherapeutische Bemühungen sollte versucht werden, die Verhaltensstörungen bis zur Schulentlassung abzubauen.

Bei diesen Bemühungen muss die vielfach anzutreffende Abneigung gegenüber staatlichen und privaten Institutionen in Rechnung gestellt werden. Oftmals haben die Jugendlichen mit solchen Instanzen (zum Beispiel Jugendbehörden, Polizei) negative Erfahrungen gemacht. Andererseits sind sie auf diese Institutionen (zum Beispiel Agentur für Arbeit, Jugendhilfe, Betriebe) angewiesen. Deshalb müssen sie es lernen, Vorbehalte abzubauen. So ist es zum Beispiel hilfreich, wenn Kontakte zu der Agentur für Arbeit möglichst frühzeitig initiiert werden und die Jugendlichen die Agentur für Arbeit als helfende Instanz erfahren. Zur Unterstützung kann in der Schule durch Rollenspiele erarbeitet werden, wie man sich in der Agentur für Arbeit, bei der Bewerbung um Ausbildungsstellen und bei Konflikten mit Vorgesetzten verhält.

Chancen durch Situationsveränderung: Im Lebenslauf eines Jugendlichen mit Verhaltensstörungen ist der Übergang in Ausbildung und Beruf von entscheidender Bedeutung. Der neue Lebensabschnitt wird als eine Chance zum Neubeginn betrachtet. Allgemein neigt man dazu, Schulabgängern mit Verhaltensstörungen geringere Berufschancen einzuräumen als den übrigen Schulabgängern. Berufe, die eine höhere Leistungsfähigkeit voraussetzen, werden oft ausgeklammert, weil man sie Jugendlichen mit Verhaltensstörungen nicht zutraut.
Andererseits machen Lehrer und die Fachkräfte der Agenturen für Arbeit häufig die Erfahrung, dass der grundlegende Wechsel der Lebenssituation auch positive Chancen bietet:

- Die oft schul- und heimmüden Jugendlichen brennen mitunter darauf, sich in neuen, beruflichen Anforderungen zu erfahren und zu beweisen.
- Die Lösung aus der Schülergruppe mit ihren eingefahrenen Erwartungen und die neue Position in der Gruppe der Arbeitskollegen kann das soziale Verhalten stabilisieren.
- Das Gefühl zunehmender Unabhängigkeit trägt oft dazu bei, bisherige Konflikte mit Eltern, Lehrern und Erziehern zu entkrampfen.

Jugendliche/Heranwachsende mit Verhaltensstörungen werden oft misstrauisch beobachtet und sind vielfältigen Kontrollen ausgesetzt. Vielfach hoffen sie, beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt sich der permanenten Kontrolle zu entledigen. Sie haben ein starkes Bedürfnis, auf eigenen Beinen zu stehen und für sich selbst verantwortlich zu sein. Da ihnen jedoch Selbstverantwortlichkeit und der Umgang mit Freiheit selten zugetraut wurden, konnten diese Jugendlichen ihre Selbststeuerungsfähigkeit meist auch nur unzureichend ausbilden. Deshalb geraten sie während des Prozesses der beruflichen Eingliederung nicht selten in Schwierigkeiten, und sie bedürfen der sensiblen Hilfestellung und Orientierung, die jedoch nicht mit Bevormundung und Steuerung verwechselt werden sollte.

Berufsvorbereitung: Viele junge Menschen mit Verhaltensstörungen sind bei der beruflichen Eingliederung auf eine vorbereitende Phase angewiesen. Sie besuchen zum Beispiel ein Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) oder berufsvorbereitende Maßnahmen der Agenturen für Arbeit. Bei der Berufsvorbereitung ist der Praxisanteil generell sehr stark zu gewichten. Die Maßnahmen verfehlen bei jungen Menschen mit Verhaltensstörungen meistens ihr Ziel, wenn die theoretischen Anteile überwiegen. Ebenfalls zu vermeiden ist, dass die Gruppen heterogen zusammengesetzt sind (zum Beispiel Jugendliche ohne Ausbildungsvertrag, Absolventen von Schulen für Lernbehinderte, Jugendliche, die keine Ausbildung anstreben und so weiter), weil in diesem Fall auf die besonderen Bedürfnisse von Jugendlichen mit Verhaltensstörungen kaum eingegangen werden kann.

Betriebliche Berufsausbildung: Für Jugendliche mit Verhaltensstörungen ist grundsätzlich eine betriebliche Berufsausbildung möglich. Die Bemühungen der Jugendlichen und der Berufsberatung in dieser Richtung haben allerdings meist geringen Erfolg, da erst wenige Betriebe für die Probleme dieser Jugendlichen Verständnis aufbringen und viele das Risiko einer Einstellung scheuen, weil sie sich bei möglichen Konflikten überfordert sehen. Eingehende Vermittlungsgespräche mit Ausbildern sind erforderlich, in denen die Schwierigkeiten offen dargelegt und Hinweise zur Förderung gegeben werden. Um einen erfolgreichen Ausbildungsverlauf zu gewährleisten und die beruflichen Eingliederungschancen zu verbessern, kann die Agentur für Arbeit ausbildungsbegleitende Hilfen (abH) anbieten. Die Jugendlichen/Heranwachsenden werden während der betrieblichen Berufsausbildung umfassend sozialpädagogisch betreut und gefördert, und sie erhalten zusätzlichen Stützunterricht. Unter Umständen kann die Berufsausbildung in einer außerbetrieblichen Einrichtung (BüE) begonnen und - mit ausbildungsbegleitenden Hilfen - später in einem Betrieb fortgesetzt werden.

Der Unterricht der Berufsschule fällt Jugendlichen mit Verhaltensstörungen besonders schwer. Aufgrund ihrer Schulmüdigkeit sind sie wenig motiviert, sich mit theoretischen Fragen auseinander zu setzen. Da im Berufsschulunterricht die kognitiven Leistungen und das Fachwissen im Vordergrund stehen, kommen Jugendliche mit Verhaltensstörungen häufig zu kurz. Auch hier bieten ausbildungsbegleitende Hilfen eine wichtige Unterstützung. Es hat sich als günstig erwiesen, wenn in der Berufsschule spezielle Förderkurse und -klassen eingerichtet werden können. Generell sollte die Ausbildung so organisiert sein, dass der Praxisanteil hoch angesetzt wird und dass zu theoretischen Fragen induktiv - ausgehend von konkreten Problemen - hingeführt wird. Besondere Probleme bereiten unter anderem mangelndes Durchhalte- und Anpassungsvermögen, so dass es häufiger zu einem (Ausbildungs-)Abbruch kommt als bei anderen Jugendlichen. Erfahrungsgemäß gute Bedingungen bieten die sich immer stärker durchsetzende Modularisierung der Ausbildung beziehungsweise die Stufenausbildung, weil sie bereits in der ersten Stufe zu einem beruflichen Abschluss führt und es zugleich ermöglicht, die Ausbildung bei entsprechender Leistung und Motivation auf der nächsten Stufe fortzusetzen.

Berufsausbildung in besonderen Einrichtungen: Jugendliche mit Verhaltensstörungen können anerkannte Ausbildungsberufe zum Teil auch in Heimeinrichtungen mit ausgebauten Werkstattbereichen erlernen. Bei besonders massiven Verhaltensstörungen (zum Beispiel in Verbindung mit weiteren Behinderungen) kommt des Weiteren eine Berufsausbildung in einem Berufsbildungswerk (BBW) oder in einer sonstigen Reha-Einrichtung in Betracht. In allen genannten Fällen ist unter anderem eine intensive sozialpädagogische Begleitung (Reha-Fachdienste) und Förderung gewährleistet. Dies gilt auch für die Betreuung in einem Internat (Wohnen). Ob eine Ausbildung in einem Berufsbildungswerk oder aber in einer Einrichtung der Erziehungshilfe günstiger ist, muss im Einzelfall zwischen den beteiligten Institutionen abgestimmt werden (zum Beispiel mit der Jugendhilfe, vergleiche und anderem KJHG §§ 13, 41).

Nachgehende Betreuung: Die Vermittlung in eine Ausbildungsstelle kann lediglich als Starthilfe gelten. Bei Jugendlichen/Heranwachsenden mit Verhaltensstörungen ist der Prozess der beruflichen Eingliederung oft sehr langwierig. Sie brauchen während einer betrieblichen Berufsausbildung und beim Übergang von geschützten Formen der Ausbildung auf den freien Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt eine begleitende Betreuung. Der Eingliederungserfolg hängt wesentlich mit davon ab, inwieweit Vertrauenspersonen oder Institutionen so lange Hilfestellung leisten, bis der Betreffende festen Boden unter den Füßen gewinnt. Bei einer Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen (BüE) oder in einer Reha-Einrichtung ist eine nachgehende Betreuung von sechs Monaten möglich. Bei der Eingliederung in den freien Arbeitsmarkt kommt im Einzelfall auch eine begleitende psychosoziale Begleitung in Frage.


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Sammelwerksbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Bundesagentur für Arbeit (BA)
Homepage: https://www.arbeitsagentur.de/veroeffentlichungen/veroeffent...

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Referenznummer:

VT0046


Informationsstand: 24.04.2007

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