Hintergrund und Ziel:
Die Gesundheitssysteme der verschiedenen europäischen Länder unterscheiden sich substanziell voneinander. Diese Systemunterschiede zeigen sich auch im Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt und an den Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit. Allerdings sind die Kenntnisse über die Hintergründe und Ursachen bislang gering. Das gilt auch und in besonderem Maße für die teilweise schwierig gegenüber anderen Versorgungsbereichen abgrenzbare rehabilitative Gesundheitsversorgung. Das Ziel der vorliegenden Studie besteht darin herauszufinden, inwieweit sich Ausgaben für rehabilitative Versorgung in den europäischen Ländern vergleichbar gegenüberstellen lassen. Es wird ein erster Ansatz zu einer Erklärung unternommen.
Methode:
Zum Vergleich der Ausgaben für rehabilitative Versorgung verschiedener europäischer Länder werden Daten von Eurostat (Eurostat Metadata, Zugriff: 16.10.2011), dem Statistischen Amt der Europäischen Union, Norwegen und der Schweiz, herangezogen. Sie basieren auf den Definitionen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und deren System of Health Accounts (OECD, 2011). Verglichen wurden die Ausgaben (in Euro) pro Einwohner, als Anteil an den aktuellen Gesundheitsausgaben sowie als Anteil am Bruttoinlandsprodukt. Eine zusätzliche explorative Analyse der Zusammenhänge zwischen den Ausgaben für rehabilitative Versorgung und verschiedenen Outcomes der Gesundheitsversorgung auf Länderebene diente als erste Einschätzung der Validität der Daten und erfolgte aufgrund der jeweiligen rangtransformierten Daten mit dem Spearman-Rangkorrelationskoeffizienten rS.
Ergebnisse:
Es konnten insgesamt 21 europäische Länder in den Vergleich mit einbezogen werden: die Baltischen Staaten, Finnland, Island und Norwegen, die Niederlande, Belgien, Frankreich, Luxemburg, Deutschland, Österreich und die Schweiz, Bulgarien, die Tschechische Republik, Ungarn, Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien sowie Zypern. Für die übrigen europäischen Länder lagen keine reha-spezifischen Informationen vor bzw. wurden im Fall Spaniens mit dem (inkorrekten) Wert Null angegeben. Die Unterschiede in den Ausgaben waren beträchtlich. Die Abbildung zeigt exemplarisch den Anteil der berichteten Ausgaben für rehabilitative Versorgung im Verhältnis zu den Gesamtausgaben für gesundheitliche Versorgung. Positive Assoziationen zwischen den Ausgaben in Anteilen an den Gesamtausgaben für Gesundheitsversorgung und Gesundheitsindikatoren fanden sich u. a. mit der Lebenserwartung (rS gleich 0,18), negative mit dem Anteil von Menschen mit Herz-Kreislauferkrankungen (rS gleich -0,33) oder der Arbeitslosenquote (rS gleich -0,26).
Diskussion und Ausblick:
Die Unterschiede in den Ausgaben für rehabilitative Versorgung zwischen den Ländern sind sowohl pro-Kopf als auch relativ zu den Gesundheitsausgaben bzw. dem Bruttoinlandsprodukt gesehen substanziell. Auffälligkeiten einzelner Länder, zum Beispiel der hohe Ausgabenanteil in Zypern, lassen sich mit Artefakten der Erhebung erklären (für Zypern wurde ein pauschalisierter Anteil für Rehabilitation in der stationären Versorgung a priori festgelegt). Inhaltlich ist zu vermuten, dass gesellschaftspolitisch begründete Systemunterschiede sich in den Ergebnissen widerspiegeln, diese waren jedoch aus den vorhandenen Informationen nicht abzuleiten. Deutlich wird zugleich die Schwierigkeit der Schätzung der Ausgaben aufgrund einer unzureichenden Definition der Rehabilitation (vgl. Meyer et al., 2011) und vergleichbarer Schätzstrategien. Inhaltlich vergleichbare Ausgabenschätzungen könnten deutliche Implikationen für die Versorgungssteuerung und Gesundheitspolitik aufweisen und den Beitrag der Rehabilitation für die öffentliche Gesundheit sichtbarer machen. Eine Vereinheitlichung und Operationalisierung der Definition rehabilitativer sowie der entsprechenden Ausgabenschätzung ist daher anzustreben.