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Dokumentart(en): Sammelwerk
Titel der Veröffentlichung: Teilhabe am Arbeitsleben

Wege der beruflichen Integration von Menschen mit Behinderung

Autor/in:

Bieker, Rudolf; Rauch, Angela; Haines, Hartmut [u. a.]

Herausgeber/in:

Bieker, Rudolf

Quelle:

Stuttgart: Kohlhammer, 2005, 1. Auflage, 368 Seiten: 31 Abb. s/w, 15 Tab. s/w, kartoniert, ISBN: 3-17-018444-2

Jahr:

2005

Der Text ist von:
Bieker, Rudolf; Rauch, Angela; Haines, Hartmut [u. a.]

Der Text ist in diesem Verlag erschienen:
Kohlhammer

Den Text gibt es seit:
2005

Beschreibung:

Das steht in dem Text:

Das Buch bezieht sich auf Menschen mit Behinderungen, deren Teilhabe am Arbeitsleben besonderer Vorkehrungen und der Unterstützung bedarf. Die Teilhabe am Arbeitsleben schafft nicht nur die Grundlage für eine von privater Alimentierung und staatlicher Dauerfürsorge unabhängigen Lebensführung, sondern sie ist - neben vielem anderen - essenzielles Scharnier der gesellschaftlichen Integration des Individuums und seines Bedürfnisses nach sozialer Zugehörigkeit.

Nach dem Neunten Buch Sozialgesetzbuch (SGB IX) gelten Menschen als behindert, wenn ihre körperlichen Funktionen, geistigen Fähigkeiten oder ihre seelische Gesundheit im Vergleich zu ihrer Altersgruppe eingeschränkt sind und diese Einschränkungen die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft dauerhaft beeinträchtigen. Maßgeblich ist nicht die Schädigung beziehungsweise Beeinträchtigung selbst, sondern deren Auswirkungen in einem oder mehreren Lebensbereichen.

Der gesetzliche Behinderungsbegriff führt Menschen unter einem gemeinsamen Merkmal zusammen, die im Hinblick auf die zugrundeliegenden Beeinträchtigungen kaum heterogener sein könnten. Die landläufige Vorstellung, ein Mensch mit Behinderung sitze im Rollstuhl oder sei blind, bildet die Realität nur höchst unvollkommen ab. Altersuntypische Auswirkungen von Beeinträchtigungen auf das Leben in der Gesellschaft, hier auf das berufliche Leben, können auf einem Anfallsleiden oder auf einer Suchterkrankung beruhen; sie können die Folge innerer Erkrankungen sein oder das Lernpotenzial einer Person betreffen.

Die Verschiedenartigkeit der Beeinträchtigungen erfordert unterschiedliche, auf den Einzelfall zugeschnittene Vorgehensweisen. Dies betrifft nicht nur die Wahl zwischen alternativen Formen und Instrumenten der Arbeits- und Berufsförderung; individuelle Passgenauigkeit muss sich auch und vor allem innerhalb einer gewählten Option, zum Beispiel in der Tätigkeit eines Integrationsfachdienstes oder einer Werkstatt für behinderte Menschen, widerspiegeln.

Das sozialpolitische Ziel der Partizipation behinderter Menschen am Arbeitsleben vollzieht sich seit langem unter prekären ökonomischen Rahmenbedingungen. Das wirtschaftliche Wachstum ist nicht nur zu schwach, um als „Jobmaschine“ zu wirken, sondern mehr Wachstum verspricht längst nicht mehr eine Zunahme von Arbeitsplätzen. Der enorme Wettbewerbsdruck, der von globalen Märkten ausgeht, erzwingt zunehmende Automatisierung und Rationalisierung, um Kosten zu sparen und Marktanteile zu halten.

Menschen werden immer häufiger durch Maschinen ersetzt, wie nicht nur das Beispiel der Automobilindustrie zeigt. Das Arbeitsvolumen sinkt nicht nur, es wandert auch zunehmend ab: an wirtschaftlich profitablere Standorte in Osteuropa oder Asien. Gleichzeitig erhöht die von den Marktgesetzen gesteuerte Kostensenkungspolitik der Unternehmen die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit der Beschäftigten. Von immer weniger MitarbeiterInnen wird eine immer größere Leistung erwartet, auch im öffentlichen Sektor, der unter dem Druck sinkender Steuereinnahmen und steigender Verschuldung seinen Personalbestand reduziert, wenn auch ohne spektakuläre Massenentlassungen.

Nach wie vor werden Menschen mit Behinderungen aber nicht nur durch die scheinbaren Eigengesetzlichkeiten der Ökonomie in ihrem Recht auf Teilhabe an den Rand der Arbeitsgesellschaft gedrängt. Wenn es um die Neueinstellung von MitarbeiterInnen geht, sind die Dinge mitunter viel einfacher.

Probleme gründen immer wieder

  • in der Gängigkeit einer Alltagstheorie, die Behinderung pauschal mit Leistungsminderung gleichsetzt, obwohl es heute unzählige Beispiele für das Scheitern dieser Theorie an der Realität gibt;
  • in der mangelnden Bereitschaft, Anforderungen und Arbeitsprozesse im Bedarfsfall so zu organisieren, dass sie zu den Fähigkeiten eines Menschen mit Behinderungen passen;
  • in der Unkenntnis der Hilfen institutioneller, personaler und finanzieller Art, mit denen öffentliche Stellen beschäftigungswillige Unternehmen und Verwaltungen bei der beruflichen Integration von Menschen mit Behinderungen unterstützen;
  • in der wohl bedachten Überschätzung gesetzlicher Auflagen, die mit der Beschäftigung von schwerbehinderten Arbeitnehmern verbunden sind;
  • in der Gleichgültigkeit gegenüber den Möglichkeiten eines betrieblichen Personalmanagements, das auch zugunsten der Einstellung von Menschen mit Behinderungen wirkt.

Offene oder latente Vorbehalte gegen die Einstellung von Menschen mit Behinderungen sind in Betrieben und öffentlichen Verwaltungen nach wie vor verbreitet und hier wie dort nicht nur auf das Management beschränkt, sondern auch den „Kolleginnen und Kollegen“ zu eigen.

Von dem Risiko der Arbeitsmarktexklusion sind vor allem auch Jugendliche betroffen. In ihrem Bericht über die Beschäftigungssituation schwerbehinderter Menschen stellte die Bundesregierung Mitte 2003 fest, dass die allgemein gesunkene Bereitschaft von Unternehmen, Jugendliche auszubilden, besonders zu Lasten behinderter Jugendlicher geht. Dabei ist gerade eine betriebliche Ausbildung für die Beschäftigungssituation junger behinderter und schwerbehinderter Menschen von elementarer Bedeutung.

Arbeitgeber, die die beruflichen Fähigkeiten behinderter Jugendlicher unmittelbar einschätzen können, vor allem bei einer Ausbildung im eigenen Betrieb, sind eher bereit diese Jugendlichen anschließend auch dauerhaft zu beschäftigen. Eine Folge solche Benachteiligungen ist - vor allem in Ostdeutschland -, dass Jugendliche mit Behinderung immer häufiger Gefahr laufen, aus den staatlich anerkannten Vollausbildungen nach dem Berufsbildungsgesetz und der Handwerksordnung in sogenannte Behindertenausbildungen (Berufsbildungsbericht 2004) abgedrängt zu werden, ohne dass die Gründe hierfür in der Person des Jugendlichen liegen.

Die Akzeptanz dieser anforderungsreduzierten Ausbildungen auf Seiten der Betriebe ist oft nicht einmal regional gewährleistet; eine bundesweite Vergleichbarkeit ist nicht gegeben, weil vorliegend Rahmenrichtlinien und Musterausbildungsordnungen von den zuständigen Stelle nicht beachtet werden. Das Prinzip „Besser eine 'Behindertenausbildung' als gar keine Ausbildung“ mag den Interessen der Jugendlichen zwar im Augenblick dienen, ob es auch langfristig ihre berufliche Wettbewerbsfähigkeit bestmöglich gewährleistet, ist schon angesichts der weiter sinkenden Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskräften fraglich.

Vor dem Hintergrund der schwierigen ökonomischen Rahmenbedingungen kommt der passgenauen beruflichen Qualifizierung, der einzelfallorientierten aktiven Beschäftigungsförderung und der psychosozialen Förderung und Begleitung behinderter Menschen eine gesteigerte Bedeutung zu.

Die gesetzlichen Instrumente hierfür wurden in den letzten Jahren weiter ausgebaut und differenziert. Sie müssen offensiv genutzt werden, um die Potenziale von Menschen mit Behinderungen für eine erfolgreiche Teilhabe am Arbeitsleben optimal zu entwickeln und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt soweit wie möglich auszuschöpfen und zu erweitern.

Dies setzt voraus, dass für die Verfolgung des gesetzlichen Teilhabeziels ausreichende finanzielle Ressourcen bereit gestellt werden. Ob dies gegenwärtig und auf absehbare Zeit der Fall ist, muss angesichts der unter enormem Druck stehenden Finanzsituation der gesetzlichen Leistungsträger und der öffentlichen Haushalte mehr als bezweifelt werden.

Insofern sind behinderte Menschen nicht nur von der Krise des Beschäftigungssektors besonders betroffen, sondern auch von der damit zusammenhängenden Krise der öffentlichen Finanzen. Die darauf aufbauende „Neue Geschäftspolitik“ (Bundesagentur für Arbeit 2004) stellt nicht sicher, dass jeder junge Mensch mit Behinderung das noch bekommt, was er zu seiner erfolgreichen beruflichen Integration benötigt.

Das Buch will aber nicht nur und nicht in erster Linie die Schwierigkeiten aufzeigen, denen die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben begegnet; es will vor allem Konzepte, Handlungsansätze und Leistungsmöglichkeiten transparent machen, die von unterschiedlichen Aufgabenträgern der beruflichen Rehabilitation und Integration in der Praxis realisiert werden.

Sichtbar werden soll dabei zugleich, wo Handlungsmöglichkeiten institutionell nicht ausgeschöpft und die Rahmenbedingungen für eine „bessere Praxis“ weiterentwickelt werden müssen. Dies ist leichter gesagt als getan, wenn die erforderlichen Datengrundlagen fehlen, wie dies zum Beispiel für die berufliche Teilhabe von Frauen mit Behinderung noch weithin gilt.

Ihre Partizipation an der Arbeitsgesellschaft und ihr Zugang zu den Leistungen der Beratung, beruflichen Qualifizierung und Begleitung sind bisher erst unzureichend geklärt. Welche Erkenntnisse eine jüngst im Auftrag der Bundesregierung erarbeitete Studie der Sozialforschungsstelle Dortmund liefert, die die subjektiven Sichtweisen und Erfahrungen von Frauen mit Behinderung zur Teilhabe am Arbeitsleben in den Mittelpunkt stellt, bedarf noch der fachwissenschaftlichen Erörterung.

Der Inhalt des Buches ist in fünf Abschnitte gegliedert:

Zunächst geht es um Grundfragen und Ausgangsbedingungen der beruflichen Teilhabe: die Situation behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt, die individuelle Bedeutung der Arbeitsintegration, die Instrumente zur Förderung der beruflichen Teilhabe, den Schutz vor Diskriminierung und die zukünftigen Möglichkeiten, mehr Selbstbestimmung im Prozess der beruflichen Integration zu verwirklichen (Themenfeld 1).

Die Themenfelder 2-4 sind in einer biografischen Perspektive angeordnet. Sie beschreiben berufliche Teilhabe als Prozess, der im Übergang zum Erwachsenenleben mit der Berufsorientierung und Berufswahlentscheidung beginnt. Untersucht werden die Rolle der Schule, die Handlungsmöglichkeiten der Berufsberatung und neue Formen der persönlichen Zukunftsplanung jenseits expertokratischer Vorherrschaft (Themenfeld 2).

Biografisch setzt sich der Prozess fort in der Berufsvorbereitung und beruflichen Qualifizierung (Themenfeld 3). Hier geht es um grundlegende Optionen der Berufsbildung, um pädagogische Konzeptionen der Vorbereitung auf Ausbildung und Arbeit sowie um betriebliche und außerbetriebliche Formen der beruflichen Qualifizierung und des Trainings.

Themenfeld 4 präsentiert sodann spezifische Konzepte und institutionelle Arrangements der beruflichen Integration mit zum Teil noch junger Geschichte: Betriebliche Integrationsvereinbarungen, persönliche Assistenz am Arbeitsplatz, Integrationsfachdienste und Integrationsprojekte werden ebenso auf ihre Leistungsfähigkeit hin untersucht wie die schon lange etablierte Werkstatt für behinderte Menschen. Themenfeld 4 trägt aber auch der Tatsache Rechnung, dass die Teilhabe am Arbeitsleben nicht für jeden einzelnen Menschen mit Behinderungen eine gewinnbringende Perspektive der Lebensgestaltung bieten kann. Für Menschen mit schwersten Behinderungen bedarf es im Einzelfall anderer beziehungsweise ergänzender Angebote einer aktiven Alltagsbewältigung und persönlichen Förderung, die ein subjektiv befriedigendes Leben auch jenseits beruflicher Leistungsbezüge vermitteln können.

Mit seinem Themenbogen bietet das Buch eine Übersicht über die verzweigten und auf Anhieb nicht leicht durchschaubaren Systemstrukturen der beruflichen Integration von Menschen mit Behinderungen. Profitieren sollen davon Leserinnen und Leser, die sich praxisorientiert in grundlegende Optionen und spezifische Unterstützungsinstrumente der Arbeitsintegration vertiefend einarbeiten wollen und dabei orientierende Hinweise für zukünftige Entwicklungsperspektiven und -notwendigkeiten suchen.

Diesem Ziel dienen zu guter Letzt auch die Beiträge im fünften Abschnitt des Buches, der weniger einem spezifischen Themenfeld als den Sichtweisen und Erfahrungen ausgewählter Selbsthilfeverbände behinderter Menschen gewidmet ist.

(Gem. Einführung d. Hrsgs.)

Aus dem Inhalt:

1. Grundfragen und Ausgangslagen

  • Rudolf Bieker: Individuelle Funktionen und Potenziale der Arbeitsintegration.
  • Angela Rauch: Behinderte Menschen auf dem Arbeitsmarkt
  • Hartmut Haines: Teilhabe am Arbeitsleben - Sozialrechtliche Leitlinien, Leistungsträger, Förderinstrumente
  • Horst Frehe: Das arbeitsrechtliche Verbot der Diskriminierung behinderter Menschen
  • Markus Schäfers, Simone Schüller und Gudrun Wansing: Mit dem Persönlichen Budget arbeiten

2. Berufsorientierung und Berufsfindung

  • Reinhard Lelgemann: Vorbereitung auf die nachschulische Lebenssituation und das Arbeitsleben - eine komplexe Herausforderung für die Schule
  • Elisabeth-Charlotte Weiand: Aufgaben und Handlungsmöglichkeiten der Berufsberatung
  • Ines Boban und Andreas Hinz: Persönliche Zukunftsplanung mit Unterstützerkreisen - ein Ansatz auch für das Leben mit Unterstützung in der Arbeitswelt

3. Berufliche Qualifizierung

  • Friedel Schier: Wege der beruflichen Bildung junger Menschen mit Behinderungen im dualen System
  • Horst Biermann: Pädagogische Konzeptionen in der Vorbereitung auf Ausbildung und Arbeit
  • Hendrik Faßmann: Wohnortnahe betriebliche Ausbildung -Modelle und ihre praktische Umsetzung
  • Wolfgang Dings: Berufsbildungs- und Berufsförderungswerke - Leistungsangebote, methodisch-didaktische Konzeptionen und Modellentwicklungen
  • Christiane Haerlin: Training für den Wiedereinstieg - Qualifizierungsangebote beruflicher Trainingszentren (BTZ)

4. Integration in Arbeit und Beschäftigung

  • Mathilde Niehaus und Andreas Schmal: Betriebliche Kontrakte - Integrationsvereinbarungen in der Praxis
  • Dieter Schartmann: Betriebliche Integration durch Integrationsfachdienste
  • Berit Blesinger: Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz
  • Arnd Schwendy und Anton Senner: Integrationsprojekte - Formen der Beschäftigung zwischen allgemeinem Arbeitsmarkt und Werkstatt für behinderte Menschen
  • Rudolf Bieker: Werkstätten für behinderte Menschen - Berufliche Teilhabe zwischen Marktanpassung und individueller Förderung
  • Georg Theunissen: Lebensperspektiven ohne Erwerbsarbeit - Arbeitsmöglichkeiten und tagesstrukturierende Maßnahmen für schwerst mehrfachbehinderte Menschen

5. Entwicklungsstand und Handlungsbedarf aus der Sicht von Selbsthilfeorganisationen

  • Theo Frühauf und Sabine Wendt: Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. - Teilhabe am Arbeitsleben - Grundpositionen im Spiegel aktueller Entwicklungen
  • Mechthild Ziegler: LERNEN FÖRDERN - Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Lernbehinderungen e.V. - Berufliche Integration zwischen öffentlicher und persönlicher Verantwortung
  • Jochen Krohn: Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. - Integration beginnt im Kopf

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Verlag W. Kohlhammer (Shop)
https://shop.kohlhammer.de/

Referenznummer:

R/NV3477

Informationsstand: 17.03.2005